Kolumne daisies and glitter

Ich fahre mit meinem Auto privat auf meine Kosten für eine Schulung von Mitarbeitern extra nach Kärnten. Eigentlich die ganze Fahrt über bin ich schon schlecht gelaunt, denn die ständigen Baustellen nerven einfach. Trotzdem bin ich höflich und kultiviert, wenn ich den Mitarbeitern, die an der Schulung teilnehmen Hallo sage.

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Wie so oft trage ich einen Blazer, ein weißes Shirt und meine Lieblingsjeans von Levis, die am rechten Knie zerissen ist. Dass ich in den letzten Jahren nicht viel Geld für Kleidung zur Verfügung hatte, da ich neben einem 20h Job auch noch ein Vollzeit Bachelor- und danach ein Vollzeit Masterstudium absolviert hatte, war eigentlich in diesem Moment niemandem bewusst. Wie so viele Tage auch, hatte ich in der Früh keine Zeit darüber nachzudenken, was ich aus meinem Kleiderschrank anziehe. Daher habe ich einfach die Teile geschnappt, die gut aussehen und die ich gerne trage. Noch dazu war ich noch etwas im Stress, da ich ja für zwei Tage Koffer packen musste und das fällt mir eigentlich nie leicht.

Ich packe also meine Sachen aus und setze mich an den Tisch, der ganz vorne steht – an den Tisch wo sich auch der PC für die Schulung befindet. Als alle Teilnehmer vollständig sind, begrüßt der Kärntner Chef meinen Kollegen und mich und bittet uns mit der Schulung anzufangen. Da ich die letzten Jahre über nur 20 Stunden beruflich tätig war, weiß ich verständlicher Weise nicht so viel wie der Kollege, der 40 Stunden tätig war. Von daher übernimmt er von sich aus den Lead und startet mit der Schulung. Die Mitarbeiter lauschen aufmerksam. Dann komme ich und trage meinen Part vor. Alles läuft gut und jeder fühlt sich wohl. In Summe halte ich mich die ganzen zwei Tage eher im Hintergrund und lasse dem Kollegen den Lead über. Dies entspricht aber in Wirklichkeit nicht mir – denn normalerweise, bin ich es die die Führung übernimmt. In den letzten Jahren in denen ich tätig war, musste ich aber feststellen, dass vor allem in Unternehmen bei denen eine starke Hierarchie herrscht, der Hierarchiegedanke im Vordergrund steht und Vorschläge nur von jenen in der Hierarchie weiter oben stehenden oder von jenen die gut angesehen sind, geduldet werden.

Nach mehreren Stunden Schulung folgte eine kurze Pause. In dieser machte der Kärntner Chef einen Scherz und meinte:

„Sind Sie hingefallen? Ihre Hose ist zerissen!“.

Ich versuche höflich zu bleiben und sage: „Das trägt man heute so.“ Die Schulung war für zwei Tage angesetzt und an den ganzen zwei Tagen durfte ich mir jeden Tag mehrmals diese Aussage anhören.

Monate später fand eine weitere Schulungsveranstaltung in Kärnten statt. Nach der Schulung erzählte mir eine Kollegin, dass sich der Kärntner Chef über mich geäußert hatte, als sie in Kärnten war. Er meinte zu der Kollegin:

„Ich hoffe ich habe das kleine Mädchen mit den blonden Haaren nicht mit meinen Aussagen über ihre zerrissene Jeans verärgert?“


 

 

Ich scheine wohl dein Bild von einem armen kleinen blonden Mädchen mit holer Birne zu erfüllen. Dabei habe ich neben einem Vollzeitjob mein Wirtschaftsinformatik Bachelorstudium mit einem ausgezeichneten Erfolg abgeschlossen und danach noch ein Masterstudium neben einem 20h Job angehängt.

Auch im Jahr 2018 gibt es viele verschiedene Schubladen, die wir befüllen können. Ich werde anscheinend der Abteilung „kleines armes Mädchen“ zugeordnet. Anscheinend hat die Kombination zerissene Jeans und zurückhaltendes Verhalten zu dieser Sichtweise geführt.

Verärgert aber höflich sage ich zu der Kollegin, na ja es halten mich viele Menschen für jünger als ich eigentlich bin und versuche das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

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Autsch, das hat wehgetan. Nicht wirklich und es ist völlig ok in einem gewissen Ausmaß!

Er war ehrlich, hat gesagt was er denkt – schließlich gibt es auch einen Unterschied zwischen Innen- und Außenwahrnehmung. Es gibt Situationen, in denen wir uns selbst anders wahrnehmen, als andere. Dies ist ganz normal. Wir können uns selbst als selbstbewusst, selbstständig und klug ansehen – andere können darüber ganz anders denken.

Trotz allem ist es heute anscheinend noch nicht in den Köpfen angekommen, dass die Kleidung nichts über das Wissen und das Alter aussagt. Ich kann eine zerissene Jeans als Teenager anziehen aber auch als Erwachsener. Meine Kleidung aber auch mein zurückhaltendes Verhalten sagen noch lange nichts über meine Person aus.

Ganz ehrlich gesagt:

„Es ist nicht mein Problem wenn andere mich anders wahrnehmen und mich als kleines Mädchen, das schlecht gekleidet ist, einstufen!“

Jeder verfügt über unterschiedliche Erfahrungen und somit auch über eine unterschiedliche Sichtweise. Das ist ganz normal. Aber es ist nicht mein Problem, wenn mich jemand anders wahrnimmt als ich eigentlich bin. Es ist nicht mein Problem, wenn mich jemand ohne hinzuschauen in eine bestimmte Schublade steckt. Für diese Erkenntnis habe ich wirklich lange gebraucht. Geholfen hat mir dabei eine Kolumne von Zukkermädchen. Zu versuchen sich nur für die anderen zu ändern und zu versuchen deren Bild zu erfüllen führt immer mehr dazu, dass man sich immer weiter von sich selbst entfernt.

Steht zu euch, zu euren Makeln, zu euren Fähigkeiten – ihr seid einzigartig!

Was muss ich tun, um das Bild von mir zu ändern?

Muss ich jetzt nur mehr Hosen ohne destroyed Elemente tragen? Muss ich jetzt nur mehr Stoffhosen tragen? Muss ich mich überhaupt in der Arbeit anders kleiden? Muss ich insgesamt mein Aussehen verändern, um älter zu wirken? Muss ich mir mehr Selbstbewusstsein zulegen? Muss ich mehr lesen um klüger zu wirken? Sollte ich noch ein Masterstudium absolvieren? Muss ich mein Auftreten ändern und mehr aus mir herausgehen, auch wenn dies in der Organisation mit einer starken Hierarchie schwer möglich ist? Muss ich mehr meine Meinung sagen? Muss ich, jemand anderes werden?

Wie kann ich dir beweisen wer ich bin und was ich wirklich kann?

Eigentlich gar nicht. Ich muss anderen nicht beweisen wer ich bin und was ich kann. Sie sollen sich selbst ein Bild von mir machen und wenn dieses ein anderes ist, dann ist das nicht mein Problem. Wir denken heute viel zu viel und zu lange darüber nach, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Hört damit auf euch aus dem Blickwinkel der anderen zu sehen – man lernt daraus nichts und macht sich nur selbst fertig. Wichtig ist, dass einem bewusst ist, dass es einen Unterschied zwischen der Außen- und Innenwahrnehmung gibt. Es wird immer Menschen geben, die ein anderes Bild über einen haben werden, als man selbst oder jemand anderes.

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